Strafrecht I – 2: Kausalität

Äquivalenztheorie

Die Strafbarkeit  eines Täters ist beim Erfolgsdelikt nur begründet, wenn zwischen einer Tathandlung und einem Taterfolg ein Kausalzusammenhang besteht. Nach der Äquivalenztheorie bestimmt sich die Kausalität gemäß der conditio-sine-qua-non-Formel, die besagt, dass eine Handlung dann kausal für einen bestimmten Erfolg ist, wenn sie nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass zugleich der Erfolg entfällt. Wenn ein Opfer verblutet, nachdem der Täter ihm mit einem Messer in die Brust gestochen hat, so ist diese Tathandlung kausal für den Tod des Opfers, denn ohne den Messerstich wäre keine Blutung entstanden und damit auch kein tödlicher Blutverlust eingetreten.

Alternative Kausalität

In der Fallkonstellationen der sogenannten alternativen Kausalität kommt diese Theorie jedoch zu unbefriedigenden Ergebnissen:

Fall 1: A und B mischen unabhängig voneinander Gift in den Orangensaft von O. Jede einzelne Giftdose ist ausreichend, um einen Menschen zu töten. Nachdem O aus seinem Glas getrunken hat, verstirbt er innerhalb weniger Minuten.

Haben A und B sich des vollendeten Totschlages an O strafbar gemacht?

Was wäre denn nun, wenn A das Gift nicht in den Saft gemischt hätte? O hätte das Gift des A nicht getrunken, jedoch das des B und wäre somit trotzdem gestorben. Und wenn B das Gift nicht ins Glas gemischt hätte, so hätte O trotzdem noch das Gift des A getrunken und wäre somit wiederum gestorben. Nach der conditio-sine-qua-non-Formel hat sich hier also niemand des vollendeten Totschlages strafbar gemacht.

Angesichts der Tatsache, dass A und B den Tod des O vorsätzlich herbeiführen wollten und ihnen das auch geglückt ist, erscheint dieses Ergebnis unstimmig. Daher wird in Fällen, wo mehrere Bedingungen unabhängig voneinander zur gleichen Zeit den Taterfolg jeweils von alleine herbeiführen würden (alternative Kausalität) eine modifizierte conditio-sine-qua-non-Formel angewandt: Von mehreren Bedingungen, die zwar alternativ, nicht aber kumulativ hinweg gedacht werden können, ohne dass der Erfolg entfällt, ist jede kausal für den Erfolg.

Kumulative Kausalität

Die kumulative Kausalität beschreibt gegenüber der alternativen Kausalität Fälle in denen mehrere, von einander unabhängige Bedingungen nicht einzeln, sondern nur zusammen zum Taterfolg führen:

Fall 2: A und B mischen unabhängig voneinander Gift in den Orangensaft von O. Eine einzelne Giftdose würde nicht ausreichen, um einen Menschen zu töten. Erst zusammen ergibt sich eine tödliche Dosis. Nachdem O aus seinem Glas getrunken hat, verstirbt er innerhalb weniger Minuten.

Haben A und B sich des vollendeten Totschlages an O strafbar gemacht?

In Fällen der kumulativen Kausalität braucht es keine Modifikation der conditio-sine-qua-non-Formel. Denn sobald eine Giftdosis weggedacht wird, liegt keine tödliche Giftdosis mehr vor.

Hypothetische Reserveursachen

Unter sogenannten hypothetischen Reserveursachen versteht man bestimmte Bedingungen, welche, wenn die Handlung des Täters wegfallen würde, später trotzdem den Taterfolg herbeirufen würden:

Fall 3: O ist auf dem Weg zum Flughafen, als er von T erschossen wird. Das Flugzeug, mit dem O fliegen wollte, stürzt während des Fluges ab. Es gibt keine Überlebenden.

Hat sich T des Totschlages strafbar gemacht?

Durch das Hinzudenken der Reserveursache könnte man nach der conditio-sine-qua-non-Formel die Kausalität verneinen. Das ist aber unzulässig, denn hypothetische Kausalverläufe sind für die tatsächliche Kausalität unbeachtlich. Eine Kausalität zwischen dem Tod des O und der Handlung des T muss hier also bejaht werden.

Eingriffe in den Kausalverlaufes durch Dritten

Die Fallgruppe der Eingriffe in den Kausalverlauf durch einen Dritten wird später in einem eigenen Artikel behandelt werden.

Gutachten

Es folgen die Gutachten für die Fälle 1-3:

Fall 1

Gutachten

Indem A Gift in den Saft des O mischte, könnte er sich des Totschlages gem. §212 I StGB strafbar gemacht haben.

I. Tatbestand

Dazu müsste der Tatbestand des Totschlages erfüllt sein. Dieser Tatbestand untergliedert sich in den objektiven und den subjektiven Tatbestand.

1.) Objektiver Tatbestand

a.) Erfolg

Im objektiven Tatbestand wird zunächst gefordert, dass sich der tatbestandliche Erfolg des Totschlages verwirklicht hat. Dieser Taterfolg liegt im Tod des O vor.

b.) Handlung

Das Hineinmischen des Giftes in den Saft des O stellt auch eine Tathandlung dar.

c.) Kausalität

Fraglich ist jedoch, ob die Handlung des A kausal für den Eintritt des Taterfolges war. Ob eine solche Kausalität vorliegt, bestimmt sich grundsätzlich gemäß der Äquivalenztheorie über die conditio-sine-qua-non-Formel. Diese Formel besagt, dass eine Handlung dann kausal für einen bestimmten Erfolg ist, wenn sie nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass zugleich der Erfolg entfällt.

Folgt man im vorliegenden Fall dieser Formel, ergibt sich allerdings ein unstimmiges Bild.  Hätte A das Gift nicht in den Saft gemischt, so hätte O das Gift des A zwar nicht getrunken, hätte jedoch immer noch das Gift des T zu sich genommen und wäre trotzdem gestorben.

Eine Kausalität der Handlung für den Taterfolg müsste also verneint werden, sodass sich weder A noch B eines vollendeten Totschlages strafbar gemacht hätten. A und B könnten so nur wegen versuchten Totschlages bestraft werden, obgleich beide ihr Tatziel zur Gänze erreicht haben.

Um diese Problematik zu lösen wird in Fällen sogenannter alternativer Kausalität, das heißt Fällen, in denen mehrere Bedingungen unabhängig voneinander zur gleichen Zeit den Taterfolg jeweils von alleine auslösen würden, eine modifizierte Formel angewandt: Von mehreren Bedingungen, die zwar alternativ, nicht aber kumulativ hinweg gedacht werden können, ohne dass der Erfolg entfällt, ist jede kausal für den Erfolg.

Denkt man sich jeweils eine der beiden Giftdosen hinweg, bleibt der Taterfolg bestehen. Denkt man sich jedoch beide hinweg, entfällt der Taterfolg.

Damit war die Handlung des A kausal für den Eintritt des Taterfolges.

d.) Objektive Zurechnung

Der Taterfolg müsste A auch objektiv zuzurechnen sein. Dies ist dann der Fall, wenn durch die Handlung von A ein rechtlich missbilligtes Risiko entstanden ist, welches sich auch im konkreten Taterfolg verwirklicht hat. Bei der Vergiftung eines Getränkes liegt natürlicherweise das Risiko vor, dass das Opfer das Getränk auch konsumiert und daran stirbt. Dieses Risiko hat sich hier auch konkret im Taterfolg realisiert.

2.) Subjektiver Tatbestand

Damit der subjektive Tatbestand erfüllt ist, hätte A den O vorsätzlich töten müssen. Vorsatz ist das Wissen und Wollen um die Tatbestandsverwirklichung. A hat gewusst, dass das Gift tödlich sein würde und wollte dies auch.

Damit hat T den O vorsätzlich getötet.

II. Rechtswidrigkeit

Rechtsfertigungsgründe sind nicht ersichtlich, somit hat T rechtswidrig gehandelt.

III. Schuld

Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich, folglich hat T schuldhaft gehandelt.

IV. Ergebnis

Indem A Gift in den Saft des O mischte, hat er sich gem. §212 I StGB des Totschlages strafbar gemacht.

(Gutachten für B identisch)

 

Fall 2

Gutachten

Indem A Gift in den Saft des O mischte, könnte er sich des Totschlages gem. §212 I StGB strafbar gemacht haben.

I. Tatbestand

Dazu müsste der Tatbestand des Totschlages erfüllt sein. Dieser Tatbestand untergliedert sich in den objektiven und den subjektiven Tatbestand.

1.) Objektiver Tatbestand

a.) Erfolg

Im objektiven Tatbestand wird zunächst gefordert, dass sich der tatbestandliche Erfolg des Totschlages verwirklicht hat. Dieser Taterfolg liegt im Tod des O vor.

b.) Handlung

Das Hineinmischen des Giftes in den Saft des O stellt auch eine Tathandlung dar.

c.) Kausalität

Fraglich ist jedoch, ob die Handlung des A kausal für den Eintritt des Taterfolges war. Ob eine solche Kausalität vorliegt, bestimmt sich grundsätzlich gemäß der Äquivalenztheorie über die conditio-sine-qua-non-Formel. Diese Formel besagt, dass eine Handlung dann kausal für einen bestimmten Erfolg ist, wenn sie nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass zugleich der Erfolg entfällt.

Hätte A kein Gift in den Saft des O gemischt, so hätte O lediglich die Giftdosis von B zu sich genommen. Es hätten jedoch nur beide Giftdosen zusammen eine tödliche Wirkung entfaltet. Damit handelt es sich um eine Fallgruppe der kumulativen Kausalität, welche ohne Modifikation der conditio-sine-qua-non-Formel lösbar ist.

Die Handlung des A war folglich kausal für den Eintritt des Taterfolges.

d.) Objektive Zurechnung

Der Taterfolg müsste A jedoch auch objektiv zuzurechnen sein. Dies ist dann der Fall, wenn durch die Handlung von A ein rechtlich missbilligtes Risiko entstanden ist, welches sich auch im konkreten Taterfolg verwirklicht hat. Das Gift des A bot zwar in der verabreichten Dosis durchaus die Möglichkeit körperliche Schäden hervorzurufen, jedoch nicht in einem tödlichen Umfang. Nur durch die zweite Dosis Gift des B erreichte das Gift ein Tötungspotential. Es liegt jedoch völlig außerhalb jeder Lebenserfahrung anzunehmen, dass noch ein Zweiter unabhängig von einem selbst das gleiche Getränk vergiftet. Damit handelt es sich hier um einen atypischen Kausalverlauf, sodass eine objektive Zurechnung zu verneinen ist.

Der Tatbestand des vollendeten Totschlages ist somit nicht erfüllt.

II. Ergebnis

Indem A Gift in den Saft des O mischte, hat er sich gem. §212 I StGB des Totschlages strafbar gemacht.

(Gutachten für B identisch)

 

Fall 3

Gutachten

Indem T den O erschoss, könnte er sich des Totschlages gem. §212 I StGB strafbar gemacht haben.

I. Tatbestand

Dazu müsste der Tatbestand des Totschlages erfüllt sein. Dieser Tatbestand untergliedert sich in den objektiven und den subjektiven Tatbestand.

1.) Objektiver Tatbestand

a.) Erfolg

Im objektiven Tatbestand wird zunächst gefordert, dass sich der tatbestandliche Erfolg des Totschlages verwirklicht hat. Dieser Taterfolg liegt im Tod des O vor.

b.) Handlung

Das Abschießen einer Pistole stellt auch eine Tathandlung dar.

c.) Kausalität

Fraglich ist jedoch, ob die Handlung des T kausal für den Eintritt des Taterfolges war. Ob eine solche Kausalität vorliegt, bestimmt sich gemäß der Äquivalenztheorie über die conditio-sine-qua-non-Formel. Diese Formel besagt, dass eine Handlung dann kausal für einen bestimmten Erfolg ist, wenn sie nicht hinweg gedacht werden kann, ohne dass zugleich der Erfolg entfällt.

Hätte T nicht auf den O geschossen, wäre er nicht durch die Kugel verletzt worden und wäre nicht auf diese konkrete Weise zum konkreten Tatzeitpunkt verstorben. Dass er wenig später in einem Flugzeugabsturz ohnehin umgekommen wäre, stellt eine hypothetische Reserveursache dar, die bei Anwendung der conditio-sine-qua-non nicht hinzugedacht werden darf.

Damit war die Handlung des T kausal für den Eintritt des Taterfolges.

d.) Objektive Zurechnung

Der Taterfolg müsste T auch objektiv zuzurechnen sein. Dies ist dann der Fall, wenn durch die Handlung von T ein rechtlich missbilligtes Risiko entstanden ist, welches sich auch im konkreten Taterfolg verwirklicht hat. Natürlicherweise besteht beim Schuss aus einer Pistole auf einen anderen Menschen die Möglichkeit, eine tödliche Verletzung herbeizuführen. Dieses Risiko hat sich hier auch im konkreten Erfolg verwirklicht.

2.) Subjektiver Tatbestand

Damit der subjektive Tatbestand erfüllt ist, hätte T den O vorsätzlich töten müssen. Vorsatz ist das Wissen und Wollen um die Tatbestandsverwirklichung. A hat gewusst, dass der Schuss tödlich sein würde und wollte dies auch.

Damit hat T den O vorsätzlich getötet.

II. Rechtswidrigkeit

Rechtsfertigungsgründe sind nicht ersichtlich, somit hat T rechtswidrig gehandelt.

III. Schuld

Schuldausschlussgründe sind nicht ersichtlich, folglich hat T schuldhaft gehandelt.

IV. Ergebnis

Indem T den O erschoss, hat er sich gem. §212 I StGB des Totschlages strafbar gemacht.

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